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Samstag, 25. April 2015

So war es. - Ein Sakristan erlebt die Liturgiereform. (4/8)

Nach diesen ersten Eindrücken stellt sich die Frage nach dem Dienst des Sakristans im Jahr 1965. Am 7. März 1965 war die Liturgiereform offiziell eingeführt worden.

Das bedeutete in der damaligen Konfusion der Meinungen, ab jetzt sei das Latein verboten, die Messe sei mit Gesicht zum Volk hin zu feiern. Wer es wagte von diesen beiden „Dogmen“ nicht Gebrauch zu machen, der galt als „Konservativer“. Totschlagworte prägten und prägen bekanntlich immer die Atmosphäre in diktatorischen Zuständen – und die Kirche stand unter dem Diktat der Liturgiereform ... Wir hatten die Liturgiekonstitution in einer lateinisch deutschen Ausgabe zu Hause. Selbstverständlich wurde dieser Text gelesen – auch weil unser Onkel Johannes federführend am Kapitel über die „musica sacra“ beteiligt gewesen war. Das waren religiöse Neuheitserlebnisse, daß jemand, den man kannte, bei dem „Weltereignis Konzil“ persönlich dabei gewesen war!

Kein Wort fand sich bei den Konzilsvätern von einem Verlassen des Hochaltars zugunsten eines „Tischaltares“. Auch wurde das Latein und der Choral nicht abgewertet, sondern – im Gegenteil – der Choral in lateinischer Sprache war anerkannt worden wie auf keiner Kirchenversammlung zuvor.

In Broichweiden beherrschte die Chorwand über dem Hauptaltar die Pfingstszene. Maria saß inmitten der Apostel. Es waren große Bronzefiguren. Über dem Tabernakel erhob sich eine Nachbildung des Kreuzes vom Isenheimer Altar des Matthias Grünewald. Das Geschehen auf dem Altar stand uns vor Augen einerseits als Epiklese, der Geist heiligt die Gaben. Andererseits gewährleiste das Kreuz aus Holz, das die hl. Messe die sakramentale Vergegenwärtigung des einmaligen Kreuzesopfers war. So wurden wir belehrt – im wahren Glauben der Kirche aller Zeiten. Und so haben wir auch das heilige Geschehen mit verfolgt.

Die Tage vor dem 7. März waren arbeitsreich für den Sakristan. Es wurde ein „Tisch“ gezimmert, der dann mit einem Altarstein versehen, ziemlich schwer zu transportieren war. Diese schweren Arbeiten, wie den Transport, mußten wir Schüler leisten. Es kam zur ersten hl. Messe nach dem neuen Ritus; fast die ganze hl. Messe war in deutscher Sprache. Das war vollkommen ungewohnt. Wir hatten als Meßdiener das damalige Stufengebet und die übrigen Gebete der hl. Messe lateinisch lernen müssen. Epistel und Evangelium waren uns in deutscher Sprache vertraut, ebenso die Predigt, die man im Rahmen der lateinischen Liturgie aufmerksamer hörte, weil sie eben in der Muttersprache war. 

Jetzt war alles das weg, woran die eifrigen Kirchgänger so gehangen hatten. Sicher, viele – oft auch die, die schlechte Noten in Latein hatten – waren der Neuerung gegenüber aufgeschlossen. Aber wurde damals nicht übersehen, daß das Konzil das alles so nicht bestimmt hatte? Am 7. März hatte der Superior des Hauses „versus populum“ zelebriert. Er hatte gerade einen furchtbaren Schnupfen. Aus ästhetischen Gründen spare ich mir eine nähere Schilderung... So viel war deutlich: der Priester blickte jetzt die hl. Messe über ins Volk, nicht mehr in Richtung Altarkreuz – der „Tischaltar“ hatte damals noch kein Kreuz. Aus dem Opferaltar zur Vergegenwärtigung des einmaligen Kreuzesopfers war ein Tisch geworden und bald wurde die hl. Messe unter der Hand zu einem „Mahl“.

Ende 1965 las ich im „Tilly“ folgenden Abschnitt: „Die Liturgie ist nicht mehr auf Gott, sondern auf das Volk hin ausgerichtet. Man hat den Menschen nun auch innerhalb der Kirche in völliger Verblendung in den Mittelpunkt gestellt; gerade dieses ist ein Merkmal des hoministischen Zeitalters. Die 'Gloria Dei' nimmt also nicht mehr den ersten Platz ein, so daß nunmehr manigfache Häresien durch die in Unordnung geratene Wertskala ihren Einzug halten werden“.

(Dr. theol. Joseph Overath)


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