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Samstag, 11. April 2015

Wie sie sich selbst und Erzbischof Lefebvre betrogen


Was heute kaum noch jemand weiß

Marcel-François Lefebvre war Spiritaner-Missionar in Afrika. 
1947 wurde er zum Apostolischen Vikar von Dakar (Senegal) ernannt und zum Bischof geweiht. Danach versah er Dienste als Titularerzbischof und Apostolischer Delegat für Französisch-Afrika. Bis zur Errichtung des Erzbistums Dakar gründete er 62 Bistümer und leitete vier Bischofskonferenzen. 1955 wurde Marcel Lefebvre durch Papst Pius XII. zum ersten Erzbischof von Dakar ernannt, was ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des christianisierten Afrika machte.
Papst Johannes XXIII. ernannte ihn zum Päpstlichen Thronassistenten und Anfang 1962 zum Erzbischof von Tulle in Frankreich. Dieses Amt übte er nur bis Juli 1962 aus, da er zum Generaloberen der Spiritaner gewählt wurde. Diese Kongregation zählte damals über 60 Bischöfe. Als solcher nahm er am 2. Vatikanischen Konzil teil, nachdem ihn Papst Johannes XXIII. schon 1960 zum Mitglied der zentralen Vorbereitungskommission des Konzils berufen hatte.

Erzbischof Lefebvre leitete also von 1962 – 1968 die Kongregation der Spiritaner als Generaloberer. Mitten in der Zeit des großen Umbruchs durch das 2. Vatikanische Konzil. Eines Tages besuchte er in seiner Funktion als Generaloberer die Niederlassung seiner Gemeinschaft in Broichweiden (Bistum Aachen), wo sie bis heute eine Schule betreibt.

Heuchlerische Eingriffe – oder:
Große Aufregung im Klösterchen: der „Chef“ kommt zur Visitation.

<<Wer Visitationen mitgemacht hat, der weiß auch von den vorherigen Verbesserungen zu berichten. Das, was der „Chef“ nicht sehen darf, wird versteckt und nach der Abreise wieder hervorgeholt. Bloß nicht auffallen!, das war damals in Broichweiden das Motto.

Uns wurde von verschiedenen Patres erzählt, da komme ein stockkonservativer Bischof. Der Bereich Kirche/Sakristei war auch betroffen von heuchlerischen Eingriffen in den wirklichen Alltag des Klosters. Am Tag vor der Ankunft Lefebvres mußte der „Tisch“ weggeräumt werden. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß wir schwer zu schleppen hatten – in der Freizeit! Der Tisch wurde die enge Sakristeitreppe zum Keller hinuntergezwängt. Hier würde wohl der „Chef“ nicht visitieren...

Am nächsten Tag dann begann die Visitation. Alle Schüler kamen zur hl. Messe in die Klosterkirche, alle Patres und Brüder waren anwesend. Es begann ein „Theaterstück“. Man hatte die „Bühne“ eigens auf „konservativ“ gestaltet. Wir waren instruiert, wieder die Kommunionbank zu benutzen. Marcel Lefebvre zelebrierte die hl. Messe mit dem alten Missale Romanum. Er trug Pontifikalhandschuhe. Der Empfang der hl. Kommunion ging so vor sich: Man küßte zunächst den Bischofsring, dann wurde die hl. Hostie auf die Zunge gelegt.

Das war für alle Schüler etwas Neues. Wenn sonst Missionsbischöfe zu Besuch kamen, dann feierten sie die hl. Messe wie die Priester. Sie setzten sich zu uns in die Freizeiträume und sprachen mit uns. Berührungsängste, wie man heute sagt, gab es zwischen Bischöfen und Schülern nicht. Anders stellte sich der Lefebvre-Besuch dar: Vielleicht auch durch die Schilderungen der Patres wirkte er fern – und er bemühte sich auch nicht, diesen Eindruck zu vermeiden.

Als der „Chef“ wieder weg war, mußte der „Tisch“ wieder aufgebaut werden. Ich war nach Broichweiden gegangen, weil ich Missionar werden wollte. Aber nach dem Besuch Lefebvres stellte ich fest, daß ich nicht in einem Orden leben könnte, der ein solches „Stückchen“ aufführte. Letztlich war die moralische Autorität der Patres dahin. Ein Schüler, der ehrlichen Herzen nach dem geistlichen Beruf strebte, konnte sich nur von solchen „Vorbildern“ und „Pädagogen“ abwenden. >>

Dr. Joseph Overath
Aus: Theologisches, 12/2005

Marcel Lefebvre als junger Bischof 1947

Marcel Lefebvre mit Papst Pius XII.

Marcel Lefebvre mit Papst Johannes XXIII.
Erzbischof Marcel Lefebvre zur Zeit des Konzils, Mitte 60er Jahre

Kommentare:

  1. Was für eine unglaubliche Episode. Danke für diesen Beitrag!

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    1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Sehr interessanter Artikel, vielen Dank! Eine Geschichte, wie sie sich vielleicht in vielen einst blühenden Missionsorden abgespielt hat.

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