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Samstag, 9. Mai 2015

Wer war Jeanne-Marie Guyon (5/8)

Bald nach der Niederschrift beginnt, verbunden mit einer schweren Krankheit, die vom 14. September 1682 bis 3. Mai 1683 dauert, eine neue Phase ihres mystischen Weges, den sie - in der Verähnlichung mit Jesus, dem Kinde - als „Zustand des Kindseins" beschreibt. Dahinein fällt die Erfahrung der „Kommunikation im Schweigen".
Sie schreibt in ihrer Autobiographie:

„Während dieser sonderbaren Krankheit, die sich über mehr als sechs Monate hinzog, lehrte der Herr mich nach und nach, daß es eine andere Art gab, mit Seelen umzugehen, die völlig
sein waren, als durch die Sprache.
Du ließest mich begreifen, o göttliches Wort,
daß so, wie du immer sprichst und wirkst in einer Seele, obwohl du darin in tiefer Stille erscheinst, es auch eine Art der Kommunikation, des gegenseitigen Sich-Mitteilens bei deinen Geschöpfen gibt in einer unbeschreiblichen Stille. Ich vernahm eine Sprache, die mir vorher unbekannt war. Ich erkannte allmählich, wenn Pater La Combe eintrat, daß ich nicht mehr zu sprechen brauchte. Es bildete sich in meiner Seele dieselbe Art der Stille zu ihm, wie sie sich auch im Blick auf Gott bildete. Ich verstand, daß Gott mir zeigen wollte, daß Menschen schon in diesem Leben die Sprache der Engel lernen können. Ich beschränkte mich allmählich darauf, nur in der Stille mit ihm zu sprechen.

Wir verstanden uns in Gott auf eine unaussprechliche und göttliche Art.
Unsere Herzen sprachen miteinander und teilten sich eine solche Gnade mit, wie es Worte nicht auszudrücken vermögen. Es war wie ein neues Land, sowohl für ihn als auch für mich, aber so göttlich, daß ich es nicht beschreiben kann. Zuerst geschah dies so merklich, das heißt, Gott durchdrang uns mit sich selbst auf eine so reine und liebliche Weise, daß wir in dieser tiefen Stille Stunden zubrachten, immer uns einander mitteilend, ohne auch nur ein Wort sprechen zu können. Dabei lernten wir durch eigene Erfahrung die Wirkung des himmlischen Wortes kennen, wenn es die Seelen in die Vereinigung mit sich selbst führt, und welch eine Reinheit man in diesem Leben erreichen kann. Es wurde mir gegeben, auch mit anderen guten Seelen solche Verbindung zu haben, nur mit dem Unterschied: Ich teilte ihnen die Gnade mit, mit der sie sodann erfüllt wurden, wenn sie mir in dieser heiligen Stille nahe waren, und sie verlieh ihnen eine außergewöhnliche Kraft, doch ich empfing nichts von ihnen, während bei Pater La Combe die Gnadenmitteilung wechselseitig war: Er empfing von mir und ich von ihm in der größten Reinheit.“

Dieser Text macht deutlich, dass Pater La Combe nicht nur der Führende, sondern gleichzeitig auch der von ihr Geführte ist. Ein Traum in der Nacht vom 2. zum 3. Februar 1683, in dem sie sich selbst in der Gestalt der apokalyptischen Frau schaut und darin ein Symbol ihrer eigenen geistlichen Mutterschaft, aber auch der kommenden Leiden erkennt, bestärkt sie in ihrer Sendung, Christen in der Welt, aber auch Ordensleute zum Innerer Gebet und damit zur vollen Hingabe an Gott zu führen.

(vgl. E. Jungclausen, Suche Gott in dir; 1986)


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